Wandern - Weitwandern - Bergwandern - Outdoor Sport

ich, am Weg

27
Ja
Burgenland Extrem Tour 2019
27.01.2019 09:06

Und ein Traum war über Nacht vom Winde verweht...

2018 - einer meiner größten Siege und doch die schmerzhafteste Niederlage erlebte ich beim Burgenland Extrem. Bei meinem zweiten Versuch passte einfach alles. Das Wetter spielte mit Plusgraden und Windstelle perfekt mit. Die Kräfte waren mobilisiert. Die Laune gut. Und dann verhunzte ich mir den totalen Erfolg - die komplette Umrundung des Sees - durch fahrlässige Schlampigkeit. Ja, tatsächlich. Eine Marschblase nach 30 Kilometer aus Faulheit nicht zu behandeln und später dann falsch zu verarzten, das war an Dummheit nicht zu überbieten. Die Rechnung bekam ich dann 15 Kilometer vor dem Ziel in Purbach präsentiert, als ich vor Schmerzen keinen Fuß mehr vor den anderen setzen konnte, obwohl ich im Kopf glasklar und munter war....

Aus diesen Fehlern wollte ich lernen. Über das Jahr 2018 gesehen hat sich bei mir viel getan. Ich trainierte, was ich generell für mich und für andere Wander- oder Sportevents tue, weiter und verlor satte 7 Kilo bei anwachsender Fitness. Ich wusste, wenn ich wieder zum Neusiedlersee zurückkehre, dann werde ich in Punkte Material und körperlicher Vorsorge top aufgestellt. 

Im Vorfeld zur Extrem Tour 2019 machte ich zwei Testmärsche. Einmal marschierte ich 71 km von meiner Haustüre in Wien bis zu jener meiner Eltern in Hetzmannsdorf bei Wullersdorf. Dabei hatte ich zwei Paar Schuhe sowie Socken und das Ausmassieren von Druckstellen getestet. Mit Erfolg! 

Später folgte noch eine Nachtwanderung direkt am Neusiedlersee um auch das letzte kleine Stückchen von Purbach bis - fast  vor - Oggau kennenzulernen. Auch das glückte mir sehr gut. Mein Vater war ebenso als Betreuer wieder mit dabei. Am Vorabend gab es wieder den traditionellen Schmaus beim Rathauskeller in Rust. Ich hatte ein super tolles Gefühl das es im dritten Anlauf endlich klappen sollte.

Doch der Freiluftsport hält noch ganz andere Überraschungen parat. Eine Erfahrung, die ich 2019 noch machen musste. Aber lest selbst...

Klick hier für den VIDEO CLIP:


Kohlehydrate schaufeln am Vorabend im Rathauskeller bei Rust

Be Part of it



4:20 morgens. Ich steige aus dem Auto meines Vaters, der mich wie schon im Vorjahr betreuen soll. Da er ja stets vorausfährt und auf mich warten muss, habe ich ihn gebeten, er möge doch nach meinem Start noch einmal ins Hotel nach Rust fahren, um zu schlafen, da ich die ersten 30 Kilometer sicher ohne Probleme überstehen würde. Obwohl das Startareal diesmal ziemlich überschaubar ist, sehe ich niemanden von meinen Freunden und Bekannten, welche aber zu Hauf vor Ort sein müssen. Das macht aber nichts. Abgesehen von einem netten Meet & Greet hätte ich mich ohnehin auf mein eigenes Tempo verlassen.

4:30 - Oggau / der Startschuss erklingt.

Ich stehe so ziemlich in der ersten Reihe vor dem großen Startbogen auf der Rusterstraße neben dem Gemeindeamt. Wenn man so will ist das Gemeindeamt die Schaltzentrale des gesamten Bewerbs. Wie jedes Jahr. Ich prüfe mein Setting. In letzter Konsequenz habe ich doch noch beschlossen meine rote Daunenjacke mitzunehmen, welche ich schon einst 2016 getragen hatte. Und ja, diese brauche ich auch. Es ist doch relativ frisch. Meine zweite Winterjacke in Grau wartet im Auto meines Vaters. Der Startschuss erklingt und es geht los.
Diesmal bin ich nicht nervös. Im Vorjahr konnte ich kaum schlafen. Diesmal passt das aber. Ich habe gut geruht und hatte auch eine schöne Netto-Schlafzeit. Frühstück war top und ich fühle mich fit für das Unternehmen. Und so setzt sich die Masse in Bewegung und verlässt geschlossen Oggau hinein auf den Radweg. 

Nichts für ungut! Ich liebe diese Gegend mittlerweile. (Wandern am Martinusweg oder am Ostösterreichischen Grenzlandweg) Aber da es noch finster ist und es 10 Kilometer nach Mörbisch sind, setze ich mir gleich mal meine Ohrstöpsel ein und höre nach Lust und Laune Musik. Da man nicht wirklich etwas erkennt und ich ohnehin mal in meinen Flow kommen muss, wäre mir auf dieser Strecke schlicht langweilig. Und ich gebe zu, ich bin ein Morgenmuffel. Gespräche um die Zeit mag ich nicht so. *haha*

Fast zwei Musikalben später erreiche ich dann Mörbisch. Und siehe da! Mein Vater steht dort wie im Vorjahr mit dem Auto und schaut auf mich. Er kann es wohl nicht lassen. Mir geht es soweit aber super und beteure das ich noch nichts brauche bis auf einen Energieriegel, welchen ich aber mehr des Gusto halber essen mag. Nun machen wir uns aus, dass wir uns erst im ungarischen Balf bei der ersten offiziellen Labestation wieder treffen. Mein Vater fährt nun noch mal ins Hotel, um zu ruhen und ich gehe weiter. Nun aber ohne Musik. Ich bin im Bewerb nun angekommen und kann nun mit dem Genießen beginnen. Genießen? Ja, denn nun folgt der ungarische Teil samt Sonnenaufgang.

 


Der Start in Oggau mit vielen motivierten Sportlern. (oben)

Zeit für einen Vlog Eintrag in Mörbisch nach 10 km (rechts)



Kurz nach Mörbisch geht es also zum Grenzübergang nach Ungarn. Und wie jedes Mal versammeln sich duzende Teilnehmer, um das Grenzschild um es zu fotografieren. Und obwohl es nur ein Schild ist, geht es mir auch so. Es hat etwas erhabenes. Auch ich mache wieder ein Foto davon und betrete nun das Land unserer Nachbarn. Eines fällt mir nun schon auf. Die winterlichen Tage der letzten Tage und Wochen mit den Temperaturen haben dazu geführt, das die Wege zwar geräumt und platt getreten sind, jedoch immer noch eine Menge Eis und sandiger Neuschnee darauf vorzufinden sind. Das bedeutet, man muss beim Gehen schon sehr aufpassen, das man nicht ausrutscht. Normalerweise ist das kein Problem. In Anbetracht das man 120 Kilometer gehen möchte, kostet die Konzentration und das dazugehörige Stapfen wie auf rohe Eier, doch mehr Kraft und Energie als man verbrauchen möchte. Und man will ja so viel davon wie möglich über die Runden bringen.

Kurz vor Fertörakos passiert es dann. Die Sonne kommt hervor. Es wird hell. Sie muss sich zwar noch über einen kleinen Wolkenvorhang kämpfen, erhellt aber schließlich dann das weite Land und somit die Herzen aller Teilnehmer inklusive meines natürlich. 
Ich marschiere durch Fertörakos und streife mein Bandana über Mund und Nase. Es erinnert mich an mein erstes Antreten 2016, als es ähnlich kalt war. Ich habe schon eine eigentlich logische Vorahnung, wenn man die Wetterberichte zuvor studiert hatte. Dieses Jahr würde von den Temperaturen nicht so angenehm werden wie im Vorjahr wo es verhältnismäßig recht warm war. 

Doch dafür haben wir vor allem eines, nämlich eine wunderbare klare Sicht über den See, welche uns im Vorjahr durch Nebel verwehrt geblieben war. Gleich nach Fertörakos gibt es nämlich einige Höhenmeter zu bewältigen. Man folgt dem Radweg über hügeliges Gelände, was einigen Teilnehmern um mich herum gar nicht so schmeckt. Aber ja, nur weil es der platte Neusiedlersee ist, heißt das noch lange nicht das es keine Höhenmeter zu bewältigen gibt. Auch hier ist wieder Vorsicht geboten. Schritt für Schritt muss oft bedacht sein, will man nicht ausrutschen am eisigen Untergrund. Mir gefällt das nicht. Ich muss hier schon einiges an Kraft aufbringen. Aber so ist dieses Event nun mal. Da muss ich durch. Müssen wir alle.

Dann habe ich eine kuriose und eigentlich nicht so ungefährliche Szene beobachten können! Kurz vor der ersten Labestelle in Balf fährt uns allen ein Kleinbus mitten auf dem Weg entgegen. Die Karawane und ich marschieren gerade einen Hügel am Weg hinab, als wir sehen, dass der Kleinbus die Straße hochfahren will. Durch das Eis drehen die Reifen durch und das Gefährt hat alle Mühe den Hang nach oben zu kommen. Keine Schneeketten! Nicht nur das wir alle ausweichen müssen, so können wir von Glück reden, das dieser Wagen nicht auf halber Höhe ins Rutschen gekommen und retur geschrammt kam. Das kann böse enden. Letztendlich hatte der Fahre ohnehin aufgegeben und hat dann "mitten" am Weg beschlossen umzudrehen! Noch während die Teilnehmer an ihm vorbeimarschiert sind. 

Aber wieder zu den schönen Dingen. Nach einigen schönen Fotos von der aufgehenden Sonne und dem extrem schönen See, erreiche ich schließlich die erste Labestation im besagten Balf nach ca. 27 Kilometern. Doch wo ist mein Betreuer? Noch keine Spur! Ich rufe meinen Vater an. Der wundert sich das ich schon so schnell da bin und erklärt, dass er schon am Weg sei und gleich da ist. Als er dann eintrifft, ziehe ich mein System durch. Ich stärke mich, ziehe Schuhe und Socken aus und massiere meine Druckstellen an den Füßen. Das würde ich nun auch bei allen kommenden Labestationen so machen. 
 


Sonnenaufgang über den Neusiedlersee

Mein Betreuer-Vater und ich in Balf

Eisiger Boden aber super schöne Fernsicht! 

Druckstellen an den Füßen ausmassieren und Übersocken wechseln



Weiter geht es nun durch die Reihe kleiner schöner ungarischer Dörfer wie Fertöboz, Hidegsek und Fertöhomok. Wenn der Wind, den man nun langsam bemerkt, nicht an einen ran kommt, dann hat die Sonne schon etwas Kraft. Mittlerweile habe ich meine Daunenjacke gegen meine alternative graue Winterjacke getauscht. Unter Tags könnte es ja doch wärmer werden und am Ende könnte mir die Daunenjacke in der Nacht wieder aushelfen. Ich genieße diesen Teil der Tour sehr, da man sich sehr schnell von Ort zu Ort handelt. Sie liegen ja nicht weit auseinander. Was mir auch auffällt, in diesem Jahr höre ich deutlich weniger Hunde bellen als sonst. In dieser Gegend hat wohl jeder Hausbesitzer einen Vierbeiner. 

Dann marschiert hinter mir eine Gruppe von Leuten die sich über Sport und Training unterhalten. Sowohl Männer als auch Frauen. Ich lausche ihnen einige hundert Meter bis sie mich dann schließlich überholen. Und dann bemerke ich, dass in dieser Gruppe ein lesbisches Pärchen Hand in Hand in mitten dieser Gruppe marschiert. Und ja, ich weiß. Im Jahr 2019 sollte ich dies gar nicht mehr so herausschreiben. Ich möchte es dennoch hier erwähnen, weil ich das Szenario dieser Gruppe einfach schön fand. Es wirkte harmonisch und unbeschwert in einer Zeit wo der Kampf für die Tolleranz leider noch lange nicht geschlagen ist.

Meine Füße fühlen sich etwas schwerer an als im Vorjahr zu dieser Zeit. Das kann aber auch daran liegen das ich diesmal feste knöchelhohe Stiefel anhabe. Diese sind dann doch etwas schwerer als meine Betonlaufschuhe von damals. Allerdings, und das ist sehr positiv, spüre ich keine Anzeichen von Blasen, Abnutzungen oder Wasseransammlungen. Das stimmt mich doch sehr zuversichtlich. Schließlich erreiche ich die Labestelle in Hegykö. Dort gibt es neben sehr guten Tee und Wärmestellen wieder ein kurzes Missverständnis mit meinem Vater. Er hat Probleme mit dem ungarischen Netzempfang am Handy und kann mich nicht erreichen. So hat er die Labestelle kurz vor meiner Ankunft verlassen, da er dachte, ich wäre schon weiter gegangen. Doch nach einem kurzen Anruf meiner Seite ist auch das geklärt und er trifft schließlich wieder in Hegykö ein. Auch hier befreie ich meine Füße wieder von den Stiefeln und massiere sie brav. Das fühlt sich echt sehr toll an. Auch, wenn man dann weiter geht. Die Durchblutung ist einfach gegeben, was sich wohlfühlend und wärmend für die Füße auswirkt und so Ansammlungen von Wasser schnell zerrissen werden. 

 


Marsch durch Balf

Einmal geräumter Weg vor 

Stärkung bei der Labestelle in Hegykö. Wirkt alles super! (links)

Marsch durch den Ort Hegykö (oben)



Nachdem ich Tee und wärmendes Lagerfeuer genossen habe, kann die Reise weitergehen. An die 40 Kilometer sind erreicht und nun würde ich, wie schon im Vorjahr, meinen Vater eine Weile nicht sehen. Erst vor Apetlon wieder. Motiviert verlasse ich Hegykö und tauche nun in einen meiner Lieblingsabschnitte dieser Tour ein. Nämlich den ungarischen Nationalpark. Dieser erinnert mich sehr an den Nationalpark Donauauen ganz nahe meiner Heimat in Wien. Auch wenn mich die Abwasserrohre neben den Fischerteich noch immer sehr stören, da sie einfach nicht in das Bild passen, gefällt mir der Teich dort. Auch die Rinderfarm hat nichts von ihrem Charme verloren. Es sieht alles noch so aus wie im Jahr davor, als wäre ich nie weg gewesen. Bis auf einen Unterschied.

Genau! Die Bodenverhältnisse. Auch hier warten wieder Eis und Schnee so das aus dem Gehen mehr ein Gestapfe wird. Aber nicht zu Vergleichen mit Gestapfe bei Neuschnee oder so. Dennoch heißt es wieder aufpassen, wo man hintritt. Um so öfter ich hier durch den Park gehe, desto kürzer kommt mir der Abschnitt vor. Es dauert nämlich gefühlt nicht so lange, bis ich das Nationalpark Zentrum bei Sarröd erreiche. Auch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Einzig die zwei Nationalpark Zentrum Katzen sind etwas älter und flauschiger geworden. Noch bevor ich die Räumlichkeiten dort aufsuche, merke ich, wie stark der Wind aus Nordwesten kommt. Doch bevor ich mich damit auseinandersetze, freue ich mich auf kleine Süßspeisen oder salzige Kekse und....
"Fehlanzeige" - Alles schon verputzt! So sehr ich in den Räumen auf und ab gehe, um zumindest noch einen einzigen Keks irgendwo zu erlangen, es ist zuspät. Es liegt überall nur noch der Abfall von den Verpackungen herum. Am Tisch, am Boden und sogar am WC. Das ist sehr schade und ich hege den Verdacht, das hier die Packungen, die ja zur freien Entnahme liegen, oft zu Hauf auch einfach mitgenommen werden. Aber ich will mich nicht mit negativen Gedanken aufhalten und krame mein Selbstversorgerpaket hervor. Das Twix aus dem Starterpaket kommt daher wie gerufen. *freu* 
Für 10 Minuten genieße ich noch einmal die Ruhe, die Kraft der Sonne die durch die Fensterscheibe treibt und die Atmosphäre zwischen all den Leuten hier zu sitzen und Teil des großen Ganzen zu sein. 

Denn was dann folgen sollte, wird mich wohl noch eine ganze Weile innerlich verfolgen....

 


Idyllischer Fischerteich im ungarischen Nationalpark

Die Ruhe vor dem "Sturm" genießen

Bahngleise kurz vor Sarröd

immer noch hier. Die ungarischen Nationalpark Zentrum Katzen



Als ich das Nationalpark Zentrum verlasse, staune ich einmal nicht schlecht. Es warten sehr viele Leute auf den Shuttlebus. Also mehr als ich sonst dort gesehen habe. Die ganze Straße ist voll! Keine 20 Schritte später bemerke ich auch schon warum. Wind! Nein, Sturm! Nein, wohl eher orkanartige Böen! Und damit Ring frei zum Kampf Peter gegen Orkan. Zunächst mache ich mir weniger Gedanken darum. Ich verhülle meine Nase und den Mund und setze einen Schritt vor den Nächsten.

Zu Beginn finde ich das sogar noch eher lustig. Nicht auf eine spöttische Art, sondern auf eine abenteuerliche Weise. Ich denke mir, wie außergewöhnlich das jetzt ist, hier bei diesem Windtreiben marschieren zu dürfen und es würde sicherlich vor Apetlon aufhören. In der Gegend um Pamhagen und dem Seewinkel geht doch immer der Wind und das gehört dazu. Oh Junge! Wenn ich nur geahnt hätte das mich diese Verhältnisse über 9 Stunden anhaltend und sogar leicht steigend begleiten würden...

Die ersten Kilometer nach Sarröd nehme ich also relativ gelassen, auch wenn ich durch den Gegenwind schon an Zeit einbüße. Bei gleicher Intensität kommt man einfach nicht schneller voran. Die Widerstandskraft des Windes ist zu enorm dafür. Und so erreiche ich schon bald den Einserkanal. Dort neben dem kleinen Flussbrückchen steht eine kleine Hütte, wo sich Teilnehmer Windschutz suchen. Normalerweise bin ich es gewöhnt, dass die Teilnehmer sich auf der Brücke treffen, um sich gegenseitig zu fotografieren. Diesmal nicht. Niemand möchte in Mitten des starken Windes pausieren. Auch bei der Verpflegsstation daneben ist wenig los. Schnell wird nur der Teebecher voll gemacht und schon sucht man wieder den Schutz in der Hüttenmauer. Und so bin ich froh das sich ein junges Pärchen bereit erklärt hat, mich mit dem Einserkanal zu fotografieren, was bei mir sowas wie eine Tradition hat. Der arme Kerl, der das Foto von mir machte, musste dafür extra aus dem Handschuh. Und bei diesem Wind fühlen sich -2 Grad schnell einmal wie -10 Grad an. Das schmerzt extrem auf der nackten Haut.

Und dann folgt eine ewige lange gerade Strecke, die erst kurz vor dem Ort Fertöujlak einen Rechtschwenk macht. Und hier gibt es keinen Baum, keinen Strauch oder sonst eine Form von Windschutz. Und jetzt merke ich das meine graue Winterjacke hier nicht länger mitspielt. Mir wird langsam kalt. Der Wind gönnt sich auch keine Auszeit. Ohne übertreibe zu wollen, ist es so, als ob einem ein riesiger Föhn permanent anbläst. Nur das statt warmer eben eiskalte Luft von vorne kommt. Und so vergeht mir auch langsam das Lachen und ich merke, dass es mir nun erstmals keinen Spaß mehr macht hier lang zu marschieren. Nach Fertöujlak führt dann noch ein schöner aber fieser Pfad entlang des Radweges zum Pamhagener Grenzspitz. Auch hier ist man wieder dem Orkan ohne Schutz ausgeliefert. Mein Vater, der das Auto vor Apetlon geparkt hatte, war mir nun entgegengekommen und wir marschieren gemeinsam zurück zur Grenze zu Österreich. Hier tut es mir wirklich gut das jemand da ist, mit dem ich reden und mich so ablenken kann.

Kurz nach der Grenze warten im Kofferraum des Autos wieder gute Snacks zum Stärken. Dann beschließen wir, wie schon im Vorjahr, dass wir uns in Illmitz beim Gasthaus Zentreal wieder treffen um dort was Warmes und Kräftiges zu speißen. Ich beauftrage meinen Vater noch bei einem Lebensmittelmarkt einen Großpackung Süßkram für mich zu besorgen, um meine Laune hochzuhalten. *hehe* Als er losfährt, wartet auf mich der gefühlt ewig lange Marsch bis nach Apetlon hinein. Und hier beginnt mein seelisches Kartenhaus erstmals ernsthaft zu wackeln, denn nun kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen geht die Sonne unter. Das geht rasend schnell und plötzlich sinken die Temperaturen noch mehr. Dazu merke ich jetzt, wie ich friere. Vielleicht hätte ich hier schon die Daunenjacke anziehen sollen und nicht erst in Illmitz? Und dieser Wind. Es ist zum weinen. Es hört und hört nicht auf. Und nun setzen erstmals auch Kopfschmerzen ein. Es fühlt sich nach einem hässlichen Kopfschmerz an, wie wenn man einen Wetterumschwung spürt. 

So kämpfe ich mich nach Apetlon, lasse die Labestelle emotionslos liegen und marschiere weiter nach Illmitz. Auf dem Weg dort hin wird es nun stockdunkel und ich einen besseren Zeitpunkt für eine Einkehr könnte es jetzt kaum geben. Und als ich das Gasthaus, in dem mein Vater schon wartet, endlich erreiche und eintrete, bricht mein Kartenhaus mit einem Schlag auseinander. Einfach so! Ganz plötzlich!
Kaum habe ich die wärmende Kleidung abgelegt und mich auf einen Stuhl gesetzt, wird mir kurz Schwarz vor Augen und mir wird übel. Schnell erhebe ich mich und suche sofort die Toilette auf. Übergeben muss ich mich aber nicht! Nach einigen tiefen Atemzügen am WC beruhige ich mich wieder und kehre am Tisch zurück. Durch das ruckartige Kalt Warm hat es mich auch 2-3 Minuten ungut durchgeschüttelt. Das macht mich dann erstmals etwas stutzig, denn mit solchen körperlichen Reaktionen hatte ich nicht gerechnet. Ich bestelle einen großen Nudeltopf, trinke schwarzen Kaffee und einen Schwarztee. Das kurbelt meinen Kreislauf wieder an. Die Hälfte der 120 Kilometer habe ich nun erreicht.


 


Der starke Wind macht mir zu schaffen

Beim Pamhagener Grenzspitz zu Österreich

Die Kräfte schwinden. Der Blick verrät es.

Kein Windschutz weit und breit

Kreislaufprobleme in Illmitz



Nach einer Dreiviertelstunde geht das Abenteuer weiter. Ich habe mich soweit beruhigt, dass ich nun weitergehen möchte. Ich fahre nun schwere Geschütze aus. Meine Sportweste weicht einem weiteren Unterhemd und darüber kommt meine Skinfit-Weste. Dazu kommt nun die Daunenjacke zurück ins Spiel, welche auch eine tolle Kapuze besitzt. Und ja, das funktioniert! Die Daunenjacke ist Wetterfest. Zunächst! Es folgt nun ein weiterer schöner, wenn heute auch schwerer Teil. Der Gang durch die Hölle! Ich meine damit natürlich den Ortsteil. *gg*

Mein Vater fährt voraus nach Podersdorf um mir, wie im Vorjahr, bis zum Holzturm bzw. zur Labestelle, entgegenzukommen. Mir fallen jetzt aber zwei Sachen auf. Zum einen bin ich jetzt schon eine Stunde hinter meiner Vorjahreszeit. Nicht das es um die Zeit gehen würde, aber das bedeutet, ich würde automatisch noch mehr Zeit draußen verbringen müssen, um zu finishen. Und zum Anderen betrete ich nun den Ortsteil Hölle alleine. Niemand vor mir. Niemand hinter mir. Im Vorjahr war ich mit einer größeren Gruppe hier hineinspaziert und hatte am Weg auch andere Teilnehmer getroffen. Diesmal nicht. Ich bin alleine! Und hier habe ich Glück, das man den Trail nun ordentlich markiert hat. Somit musste ich nie auf der Karte oder am Handy nachsehen, ob ich richtig bin. Und so marschiere ich durch die Dunkelheit und bin mit mir alleine. Ach so, nein. Nicht ganz! Der Orkan ist immer noch da. Und als ich endlich doch Jemanden vor mir erkenne und ich mir denke, dass ich nun jemanden zum Reden gefunden habe, fährt ein Shuttlebus vorbei und der Teilnehmer steigt ein. Also wieder alleine. An der Stelle sei gesagt das man mich am Weg durch die Hölle 3x gefragt hatte, ob es mir gut geht. (2x Shuttle, 1x Polizei) Ich danke Euch dafür, dass Ihr für uns da seid und ward.

Und als ich so mit mir alleine durch die Hölle latsche und mich der Orkan langsam auslaugt, werden in mir lethargische Züge sichtbar und auch hörbar! So zeige ich dem Orkan bestimmt 10x den Mittelfinger, was ihn aber wenig beeindruckt hatte. Und dann beginne ich lauthals ein wohlbekanntes Lied der EAV zu singen und zu zitieren. "Leckts mi do am O****" *haha* Da ich es aber in die finstere Nacht hinein plärre bleibt das natürlich ein Geheimnis. Oh wait....

Nun gut. Weiter gehts! Entkräftet, müde und genervt erreiche ich nun den Holzturm vor Podersdorf sowie meinen Vater, der dort auf mich wartet. Und siehe da?! Es gibt eine Verpflegsstation. Im Vorjahr war ich hier schon zu spät gewesen. Diesmal war ich noch später hier und dennoch steht ein Versorgungswagen vor dem kleinen Holzzelt neben dem Turm. Lange halte ich mich aber nicht auf und marschiere nun mit meinem Vater gemeinsam nach Podersdorf. Der Wind wird für mich immer abartiger und ich frag mich langsam, wie ich das heute wohl zu Ende bringen soll. Und Podersdorf ist in dieser Hinsicht ein ganz gemeiner Ort, denn von der Ortstafel bis zum Steg sind es noch einmal 2 bis 3 Kilometer, die mir diesmal wie 10 vorkommen. Endlich ist das Auto erreicht und hocke mich ins Warme. Wieder setzen Kopfschmerzen ein.

 


Team Ofner in Illmitz

Im schwersten Wettergeschütz das ich habe. Ob das reicht?



Nach weiteren 15 Minuten im Auto beschließe ich nun weiterzugehen. Noch einmal habe ich meine Füße durchmassiert. Und was soll ich sagen? Ich habe keine einzige Blase. Nichts. Gesunde Füße! Kräftemäßig bin ich aber durch den ständigen Gegenwind schon ziemlich angeschlagen. Trotzdem geht es nun weiter. Mein Vater fährt nun nach Neusiedl voraus, um mir wieder bis nach Weiden entgegenzugehen.

Ich verlasse Podersdorf und der Sturm hört und hört einfach nicht auf. Es ist ziemlich deprimierend und zermürbend für mich, denn nun bricht auch das letzte Fundament in mir weg, dass dafür sorgen sollte mich weiter zu motivieren. Nämlich die Moral oder die mentale Kraft. Denn jetzt sagt mein Körper plötzlich, dass er keine Lust mehr hat und sendet schmerzhafte Signale an die Füße. Und so wird der Marsch durch die Schilf- und Feldersteppe nach Weiden zu einer absoluten Qual für mich. Und ja, ich muss es so sagen. Es ist eine Qual. Im Vorjahr hatte ich hier nur mit dem Umstand zu kämpfen, dass mein linkes Bein stark schmerzte. Jetzt verlassen mich die Kräfte durch das Wetter. Das ist sehr schade, aber muss man so akzeptieren.

Und da fällt mir wieder ein, dass dieser Abschnitt ja sogar 9 Kilometer lang ist. 9 lange Kilometer durch die Steppe. Als der große Mond sich endlich durch die Wolkenfelder kämpft, bleibe ich zum ersten Mal stehen, um meine Beine zu entspannen. Weiter gehts! Der Puls steigt an. Die Atmung wird schwerer. Aus Atmen wird Gestöhne! Eine vorbei marschierende Teilnehmerin fragt mich nun, ob mit mir alles in Ordnung ist. Auch hier - Vielen Dank! Denn oft will man es sich selbst nicht eingestehen, das man am Ende ist. Darum möchte ich lieber 100x gefragt werden, ehe man einmal wortlos an mir vorbeigeht, wenn ich schon am Boden liege. In diesem Fall geht es aber noch ein bisschen. Ich marschiere weitere Kilometer, bis ich wieder eine kleine Rast einlegen muss. Als der nächste Ort einfach nicht näher kommen will, zerbricht meine Moral und ich muss mich zu Boden setzen. Aber das geht nicht! Ich muss aufstehen, um mich nicht zu erkälten. Und so taumel ich weiter bis ich in der Ferne schon den Stirnstrahler meines Vaters erkenne, der mir entgegenkommt. 

Und obwohl er alles erdenkliche unternimmt, um mich bei Laune zu halten, merke ich, dass das was ich empfinde viel mehr ist als nur ein körperlicher Einbruch. Da ist einfach schon mehr kaputt innerlich. Und so rette ich mich zum Bahnhof bei Weiden am See und suche einmal Rast und Schutz bei der Bahnhofshütte. Und eigentlich ist die Sache hier schon klar. Ein Geheimnis, das eigentlich keines mehr ist, wird nun offenbart. Es wird auch 2019 nichts mit der gänzlichen Umrundung des Neusiedlersees. Mein Vater mobilisiert meine letzten Reserven und geleitet mich mit gutem Zureden und Geduld bis zur Labestation in der Schule bei Neusiedl am See. Aber schon auf dem Weg dort hin ist es beschlossene Sache. Bevor wir die Räumlichkeiten betreten zieht noch einmal der Orkan durch die Stadt und es ist 1:30 morgens. Ich bin nun über 9 Stunden lang gegen den orkanartigen Sturm marschiert, was sich vergleichsweise anfühlt wie 9 Stunden auf einen Stepper zu steigen oder Treppen zu laufen. Darum habe ich den höchsten Respekt vor den Finishern und all jenen die so lange da draußen waren. Für mich war das an diesem Abend jedenfalls eine Stufe zu hoch.

Nach einer guten Kürbiscremesuppe und einigen Momenten in Ruhe beendete ich die Tour. Es wären noch satte 25 Kilometer bis nach Oggau gewesen. Bei meinem aktuellen Tempo hätte das eine Zeit von 5 Stunden ergeben. Ich hätte das Ziel, wenn ich es überhaupt gesehen hätte, wohl erst gegen 6 Uhr morgens erreicht. Man hat mir erzählt, das der Orkan über Nacht und vor allem dann im letzten Stück noch extremer gewesen sei. Ich hätte mir wohl symbolisch den Tod geholt. So setzte ich mich ins Auto und ließ mich von meinem Vater zurück ins Seehotel Rust bringen.

 


Am Ende...

Die Enttäuschung war zunächst natürlich groß


"Fazit:

So ist er eben - der Freiluftsport!
Ich war gut vorbereitet und fühlte mich fit genug. Trotzdem scheue ich mich nun nicht davor zu sagen, das mir die Einwirkung der Natur an diesem Tag den Rest gegeben hat. Zunächst war ich enttäuscht, dann kam aber die Erleichterung über meine Einsicht und schon wenige Stunden später sprühte ich wieder vor Optimismus für einen neuerlichen Versuch 2020. Im Vorjahr hat meine Aufgabe in Purbach nach 105 km verdammt weh getan. Damals hatte mich meine Faulheit und mein Leichtsinn bei der zu späten und dann falschen Verarztung einer Marschblase die komplette Umrundung gekostet, weil ich vor Schmerzen nicht mehr gehen konnte. Und das nur wenige Kilometer vor dem Ziel bei klaren und munterem Geist. Das tat weh! Das tat sehr weh! Vor allem hatte das Wetter gepasst.

Diesmal hat mein Herz mir einfach geflüstert, das ich am Ende bin. Der Zwang es durchziehen zu müssen hätte mich wohl wirklich zerstört. Und das geht nicht. Bereits am 23. Februar starte ich beim Vertical Up in Kitzbühel. Im April warten der Bratisalava Halbmarathon und der 100km Mammutmarsch. Jetzt eine Bronchitis oder Schlimmeres zu riskieren, wäre fast noch dümmer als eine Marschblase nicht und dann falsch zu verarzten. Wirklich! Ich sehe es sportlich! Möglicherweise habe ich auch vom letzten Mal dazugelernt und bin daran gereift. Was nützt mir die heiß ersehnte Finisher Medaille, wenn sie dann über meinem Krankenbett hängt und ich meine ganze restliche Vorbereitung für weitere Events in die Tonne treten kann und bei null beginnen muss? Nein! Wenn ich es eines Tages schaffe und das werde ich, dann wird alles passen und es wird passieren.

Und ich weiß. -
Und jeder, der mir das nun mitteilen möchte. Es sind auch 90 Kilometer nach Neusiedl eine imposante Anzahl. Es ist ein Privileg so gesund sein zu dürfen, dass man auch das bewältigen kann. Und Ihr habt natürlich alle recht!
Wenn ich also hier darüber schreibe, wie wichtig mir das ist, diesen Event eines Tages zu packen, dann geht es um meinen persönlichen Ehrgeiz und nicht darum das Geschaffte dabei zu schmälern. Nur das wir uns hier verstehen! Ich respektiere alle und jede Leistung. Vom Ultraläufer der den See unglaublich unter 10 Std. rennt, bis zum Newcomer der in Balf in den Shuttlebus steigt!  Sowie alle Betreuer und Organisatoren.

Und da sind wir in diesem Jahr auch schon bei meinen Schlussworten!
Auch dieses Jahr wurde ich wieder bestätigt. Von allen Sportevents die "ICH" bis jetzt kenne, ist die Burgenland Extrem Tour die bestorganisierteste Veranstaltung die ich kenne. Ja sicher, verbessern kann man sich immer. Ich habe mich auch über die aufgefutterten Kekse in Sarröd geärgert. Aber das ist ein kleiner Teil von einem Event der für den Veranstalter über 30 Stunden andauert. Mit der Vorbereitung und dem Abbau sogar noch mehr!
Dieser Aufwand, die Expo vor dem Bewerb, die Kaiserschmarrnparty, dieses unglaubliche Starterpaket mit wirklich hochwertigen Produkten wie Kappe (oooh, und ich bin ein Kappensammler), Hals- und Kopftuch, den Shuttleservice, und und und.... Also mir würde da noch viel mehr einfallen, beende diesen langen Bericht aber nun mit den Worten:

Am nächsten Morgen konnte ich schon wieder lachen :-)


"VIELEN DANK DAS ES EUCH GIBT - LIVE, LOVE, MOVE !!!"

Vielen Dank an jedem, der den Bericht bis hier zu Ende gelesen hat. Das ist sicher genauso extrem wie den See zu umrunden. *gg*

Infobox:

Burgenland Extrem Tour
Gästehaus See Bad


Meine Karte:

Kommentare


Datenschutzerklärung
Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!