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ich, am Weg

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Ja
Burgenland Extrem Tour 2018
28.01.2018 12:14


Hallo Neusiedler See – Ich bin wieder daaaaaa!!!

2 Jahre lang musste ich auf meine Rückkehr bei der Burgenland Extrem Tour 2018 warten. Ich kann mich noch erinnern, als mich damals 2015 meine oberösterreichischen Freunde Lydia, Wilfried aka Willi und der steirische Wolfgang fragten, ob ich nicht an dieser Tour teilnehmen möchte. Damals sagte ich, das ich nicht an einem Event teilnehmen möchte, den ich nicht beenden kann. Doch man sicherte mir zu, es ginge nicht um das Beenden, sondern um das Erlebnis. Und so startete ich im Jänner 2016 bei der Burgenland Extrem Tour. Unerfahren wie ich war, heftete ich mich an Willis Fährte, welcher ein irres Tempo gehen kann. Dann vergaß ich dabei noch aufs Trinken. Und aus dieser Kombination streikte der Körper dann nach ca. 75 Kilometer. Die gesamte Tour ist doch fast 120 Kilometer lang. Und so endete mein Abenteuer damals in Podersdorf.

Ich wollte es aber erneut versuchen und meldete mich für die Extrem Tour 2017 an. Ich hatte auch schon einen Plan zurechtgelegt und auch eine Richtung wie ich mich darauf vorbereiten würde. Aber dann folgte mein, wahrscheinlich Euch schon bekannter, Horrorwinter, wo ich krankheitsbedingt einige Events auslassen musste. Und so fiel meine Teilnahme letztes Jahr eben aus. 


Um so motivierter ging ich dieses Jahr zu Werk, denn ich befand mich hier bereits im Training für meine sportlichen Highlights 2018 und war inzwischen auch wieder sehr viel gewandert und gegangen. Mein Vater Joe sicherte mir auch seine Unterstützung zu. 

Es war also alles angerichtet für ein grandioses Comeback. Das Wetter spielte auch noch mit. Jetzt musste es nur noch "passieren".
Und ja, es "passierte" etwas. Viel Gutes. Und ein dramatisches Ende. Mein Vater und ich fuhren schon am Vortag ins Burgenland, um in Oggau die Startnummer zu holen. Danach speisten wir noch in Rust und gingen früh zu Bett. Am Tag X hieß es um 2:45 morgens "Tagwache". Um 3:00 gab es Frühstück im Quartier. Dort traf ich auch auf einige meiner Sportfreunde aus der Läufer und Walkingszene. Schließlich stieg ich zu meinem Vater und Betreuer ins Auto und er warf mich in Oggau vor die Türe. - haha

Klick hier für den VIDEO CLIP:


Ich bin nun auf mich allein gestellt. Wobei, alleine bin ich hier sicher nicht. Es warten tausende Menschen vor dem Gemeindeamt Oggaus, dort wo sich Start und Ziel befinden. Wenn ich daran denke, vor 2 Jahren hatte es hier nun -10 Grad, ist es jetzt mit 2 Grad Plus richtig angenehm. Ich stelle mich nahe zur Startlinie, als ich einen Anruf bekomme. Es ist Willi Pernold. Ihn hatte ich seit dem Karwendelmarsch 2016 nicht mehr gesehen. Und so treffen wir einander vor dem Gemeindeamt. Er erzählt mir, dass er versuchen würde zum dritten Mal in Folge den See zu umrunden. Er bietet mir erneut an, ihm zu folgen, wie schon 2016, aber ich weiß das Willi zu schnell für mich ist. Ich kann sein Tempo auf lange Sicht nicht halten.

Um 4:30 erfolgt der Startschuss und die Masse setzt sich in Bewegung. Irgendwo zwischen all den Teilnehmern sind viele meiner Freunde versteckt, aber natürlich ist es schwer diese in der Menge zu finden. Ich gehe einige Schritte mit Willi gemeinsam, ehe ich ihn dann alleine ziehen lasse. Sogleich verlassen wir Oggau und marschieren abseits der Bundesstraße am Radweg nach Rust. Gleich habe ich wieder diese Freude in der Nacht zu marschieren. Heute ist es aber doch etwas nebeliger und ich erkenne keine Lichter der Ortschaften auf der anderen Seite des Sees. Schade, aber diese würde ich ohnehin in einigen Stunden betreten.

Nach 4 Kilometern erreichen wir Rust. Das ist alles kein Problem für mich und die Reise geht weiter nach Mörbisch am See. Dort treffe ich im Ort auf meinen Betreuer Vater Joe´. Er steht mit dem Auto genau neben unserem Weg. Gut das der Veranstalter vor dem Start noch einmal sagte, dass persönliche Betreuung abgesegnet ist. Sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen oder möglicherweise die üble Nachrede anderer Teilnehmer haben können, die denken, ich würde hier betrügen. Aber so war mir das nun egal.
Der erste Settingcheck war also positiv. Ich änderte nichts an meiner Adjustierung und marschierte weiter. Wir beschlossen uns erst in Balf wieder zu treffen. Er würde dort auf mich warten.


Kohlehydrate schaufeln am Vorabend in Rust

2:45 morgens - es geht los...



​Der Weg nach Balf führt zunächst über die österreichische/ungarische Grenze und dem Ort Fertőrákos. Bei der Grenztafel ist wieder so einiges los. Auch ich mache mein kleines Video davon. Anschließend erreicht die Masse den besagten ungarischen Ort. Ein Sonnenaufgang wie damals 2016 blieb leider aus. Zu sehr hängt der Nebel über den Neusiedler See. Doch es wird langsam heller und schon eine Stunde später ist der Tag erwacht. Am Ende von Fertőrákos erfolgt dann die erste Überraschung für mich. Denn wir folgen weiter dem Radweg über die Weingärten und einem kleinen Waldstück, welches schon in der Nähe von Sopron liegt. Vor zwei Jahren war es wohl so eisig gewesen, das wir Teilnehmer über die Bundesstraße nach Balf marschierten. Diesmal ist es eben der Radweg. Und dieses Stück hat doch einige Höhenmeter inkludiert. Das ist zwar ungewohnt für mich, aber eine willkommene Abwechslung. Schade das der Nebel keine Fernsicht bereit hält. Hier hätte man bestimmt toll auf den See blicken können.

Nach knapp 30 Kilometer erreiche ich also Balf und damit die erste Labestation. Vater Joe´empfängt mich bereits. Erneut hat er einen tollen Parkplatz gefunden. Direkt in Mitten der Labestation. Wie macht er das nur? Dort treffe ich auch auf Marion und ihre Betreuerin. Es bleibt Zeit für einen kleinen Plausch. Ich fülle meine Trinkreserven auf und stecke mir weitere Sportriegel in die Tasche. Mein Vater checkt mit mir die Lage. Mir geht es soweit sehr gut. Keine Probleme. Und so beschließen wir, das wir uns in Hegykö wieder sehen werden. Dies ist der letzte ungarische Ort vor dem Eintritt in den ungarischen Nationalpark. Diesmal kommt mir auch alles so schnell vor als noch 2016. Und so gehe ich also weiter.

Es folgt ein, für mich angenehmer, Teil, bei dem in kurzen Abständen immer weitere kleine Orte erreicht werden. Wir umrunden nun den südlichen Teil des Neusiedlersees. Zunächst geht es durch Fertöboz und Hideseg. Nur wenige Kilometer später stolzieren wir durch Fertöhomok. Hier bemerke ich erstmals, dass ich am linken Fuß eine Druckstelle habe. Daraus würde sicher eine Blase resultieren. Und ich sollte Recht behalten. Kurz vor Hegykö spaziert mir auch schon mein Vater entgegen. Gemeinsam marschieren wir bis zur Labestation. Hier mache ich wieder einige Minuten Rast. Es ist ein tolles Gefühl zu wissen, das man nicht alleine ist. Auch wenn am Weg selbst etwas Unterhaltung schon gut gewesen wäre. Eine Aussage, welche ich am Ende widerlegen werde

Nun heißt es noch einmal richtig gut vorbereiten, denn auf den nächsten 20 Kilometern würde ich auf mich allein gestellt sein. Mittlerweile habe ich 40 Kilometer in den Beinen. Schon viel mehr als eine uns übliche Weitwanderetappe. Doch mir geht es immer noch sehr gut. Mein Vater fährt nun wieder voraus und ich stampfe mit den anderen Teilnehmern in den Nationalpark. Schon in Hegykö haben viele Teilnehmer aufgehört und sind mit den Shuttles zurückgefahren. Das mag schon was heißen. Trotzdem Respekt an alle die es versuchen. Dieser Abschnitt gefällt mir auch besonders gut. Der Nationalpark in Ungarn erinnert mich etwas an die Lobau in Wien oder die Donauauen. Man gelangt an einem schönen See vorbei. Auch wenn es mich irritiert, das einige Abwasserrohre genau hier hinverlaufen? Nationalpark hm? Alles klar!

Und diese Abwassergase dürften wohl auch einigen Teilnehmern sauer aufstoßen. Denn anders kann ich mir nicht erklären, warum einige Marschierer oft Abkürzungen von einigen hundert Metern quer über ein Feld nehmen, anstatt dieses auszulatschen, wie wir anderen auch. Aber da sollte ich später noch krasseres sehen. Kurz bevor man den Nationalpark verlässt, erreichen wir das Nationalparkhaus in Sarröd. Dieses war mir damals schon positiv in Erinnerung geblieben und behielt auch dieses Mal seinen Charme.
Ich mache kurz eine Pause, labe mich an salzigem Gebäck und suche das Örtchen auf. Dort hätte ich dann fast meine Handschuhe vergessen. Zum Glück hat sie keiner eingesteckt und ich musste am weiteren Weg doch nicht frieren.

Weiters folgt nun der Weg in die Ewigkeit. So kann man diese Etappe wirklich nennen, denn man bewegt sich auf scheinbar endlosen Straßen. Zunächst erreiche ich aber noch den Einser Kanal. Dort lerne ich zwei steirische Burschen kennen, die sich gedacht hatten, sie versuchen einfach mal den See zu umrunden. Aber sie waren schon etwas erschöpft. Nach der letzten ungarischen Ortschaft vor der Grenze zu Österreich, in Fertöujlak, würde ich sie dann auch wieder aus den Augen verlieren. Wenig später erlebte ich eine unfassbare Szene. Einige Teilnehmer marschierten gleich direkt über das Feld nach Apetlon, ohne die Schleife um den Grenzspitz bei Pamhagen zu passieren. Das ist sicher ein Ersparnis von 3-4 Kilometer. Ich verstehe nicht, warum man sowas macht. Man betrügt sich doch nur selber. Kann aber auch sein das diese nicht mehr weiter können und die Tour in Apetlon beendeten.

 


Beim Start in Oggau kurz vor 4:30

auf dem Weg nach Balf

Mörbisch ist bereits erreicht

Dort treffe ich auch auf Marion (Karwendelmarsch, Sie + Er Lauf)



Doch ich schaue nur auf mich, und wer marschiert mir hier schon wieder entgegen? Mein Vater. Er hatte sich mit dem Auto nahe der Pamhager Grenzspitze platziert und war mir entgegengegangen. Und so habe ich wieder etwas Zuspruch bis über die Grenze zurück nach Österreich. Mittlerweile befinde ich mich schon auf der Ostseite des Sees. Aber nun merke ich dieses Brennen am linken Fußballen. Eine offene Blase. Ich muss reagieren. Wir gehen zum Auto und ich verarzte meinen Fuß. Die Blase ist nicht groß, aber sie ist offen und brennt. Ich klebe mir zuerst ein Blasenpflaster auf die Wunde, doch dieses hält nicht. Also klebe ich mir ein 3 mm dickes knautschiges Druckpflaster auf die offene Stelle. Das fühlt sich zwar angenehmer an, sollte aber auf Dauer zur Belastung werden. Trotzdem hilft es mir die letzten Kilometer ohne Probleme nach Apetlon zu gelangen. Hurra! Die Hälfte der Tour ist also geschafft.

Eigentlich wollen wir uns in Apetlon ins Gasthaus setzen, doch dieses ist gestochen voll. Viele Teilnehmer beenden hier ihr persönliches Abenteuer und warten auf den Bus. Mein Vater und ich beschließen aber das ich nach Illmitz weiter gehen sollte. Dort würden wir uns ins Gasthaus Central setzen, wo einst meine Generalprobe vor zwei Wochen gestartet hatte. Und das tun wir auch. Er fährt voraus. Ich gehe. Und noch in Apetlon treffe ich auf zwei weitere Marschierer die mich ansprechen. Sie erkennen mich aufgrund des Videos 2016 und erzählen mir, das ich sie damals auch unwissentlich gefilmt hatte. Und wo? Fast exakt an derselben Stelle, als ich damals mit Willi nach Illmitz gegangen war. Was für ein Zufall. Ich habe mich sehr gefreut. Leider habe ich ihre Namen vergessen. Falls Ihr das liest, es tut mir leid. Vielleicht schreibt Ihr mir in den Kommentaren. Das würde mich sehr freuen.

Langsam wird es wieder finster. Als ich Illmitz erreiche, legen wir also eine etws größere Pause ein. Nach 64 Kilometer darf man das auch schon mal. Ich genieße meine große Cola, den schwarzen Kaffee und den Schinkenkäsetoast. Dann geht es aber weiter. Der nächste Abschnitt würde nämlich ebenfalls sehr kraftraubend sein. Es handelt sich um den Gang in die Hölle. Tatsächlich heißt der Ortsteil zwischen Illmitz und Podersdorf so. Hier kann mir mein Vater nicht folgen, aber er schlägt vor nach Podersdorf zu fahren und mir bis zum großen Holzaussichtsturm entgegenzugehen.

Ich marschiere also los und die Nacht bricht an. Aber das stört mich mittlerweile nicht mehr. Ich betrete die Hölle und plaudere mit zwei einheimische Mädels, die ebenfalls erstmals um den See gehen wollen. Später habe ich einen weiten Wegabschnitt ganz für mich allein. Und ich kann mich nur wiederholen. Ich mag es inzwischen in der Finsternis zu gehen. Haben sich die Augen erst einmal dran gewöhnt, dann ist es einfach wunderschön. Man erkennt noch die Umrisse der Bäume, der Straße, der weiten Felder. Es ist totenstill. Nur das Licht der vielen Stirnlampen durchbricht die Nacht. Obwohl ich es genieße, bemerke ich das durch das, ich betone noch einmal, notwendige Druckpflaster meine Zehen im Schuh angezogen werden. Die Wunde liegt zwischen Fußessballen und Zehen. Es fühlt sich an, als müssten die Zehen das Pflaster festkrallen. Aber ich habe keine Schmerzen. Darum nehme ich es in Kauf. Doch ich kenne das vom letzten Weitwanderweg nach Mariazell und weis wo es hinführen wird. Ich hoffe nur, nicht zu bald.

 


Mein Betreuer Vater Joe´hatte immer ein Auge auf mich

Pause in Sarröd beim Nationalpark Zentrum

Das Ofner-Mobil war immer zur Stelle. Wie hier in Hegykö

Grenzspitz beim Pamhagen



Ich marschiere eben so für mich durch die Nacht und frage mich noch, wo ich gerade sein werde, als ich aus der Ferne schon den Monsterscheinwerfer meines Vaters am Holzturm vor Podersdorf erkenne. Seine Stirnlampe hat ein unglaubliches Lichtvolumen. Man würde ihn vom Mond aus erblicken. Leider gibt es um diese Zeit keine weitere Labestelle mehr vor Ort. Doch das macht nichts. Wir gehen die letzten Kilometer nach Podersdorf gemeinsam. Ein unglaubliches Gefühl denn 2016 war ich hier bereits körperlich als auch mental am Ende. Und dieses Mal? Kopf und Geist sind klar! Ich will weiter gehen. Ich raste wieder beim Auto, fülle meine Vorräte auf und bereite mich auf die nächste Etappe vor.

Die nächste Ortschaft ist Weiden am See. Und das was mir zwischen Illmitz und Podersdorf noch als relativ kurz vorkam, kommt mir jetzt extrem lange vor. Bei meiner Generalprobe habe ich dieses Stück extrem gemocht. Und heute kommt es mir wie eine Qual vor. Ist er das nun? Mein Einbruch? Scheinbar.

Ich bin nicht müde, aber an meiner Wunde haben sich abseits des Druckpflasters weitere kleine Blasen gebildet. Klar, das Wasser sucht sich seinen Weg. Und durch die eingezogenen Zehen entsteht ein Druck am Unterschenkel. So als, ob man den Beinbizeps anspannt. Jetzt bemerke ich erstmals diesen Schmerz bei jedem Schritt. Aber ich denke mir, ich bin jetzt doch schon sehr lange und sehr weit unterwegs. Mein Körper darf nun ruhig etwas schnaufen. Und obwohl dieser Abschnitt kürzer ist als durch die Hölle, kommt es mir ewig vor. Und als ich Weiden schon aus der Ferne erkenne, scheint es so, als bewegt sich der Ort mit. Erstmals denke ich mir – oje!
Als ich Weiden dann schließlich erreiche, ereilt mich also mein Einbruch. Mein Vater war nach Neusiedel am See, drei Kilometer weiter, gefahren und mir bis Weiden entgegengegangen. Und beim Bahnhof treffen wir einander. Ich sage ihm, ich müsse mich hinsetzen, was ich beim Bahnhof auch tue. Dort hockt auch ein ungarischer Teilnehmer. Wir plaudern etwas. Er schenkt mir zwei Müsliriegel. In der Not esse ich einen Riegel und trinke etwas. Doch als ich mich erhebe, ist mir für einen Moment übel. Der Kreislauf meldet sich. Und als ich dann wieder weiter gehe, folgt die nächste Hiobsbotschaft. Ich spüre eine offene Blase an der selben Stelle, nur am rechten Bein. Das ist nicht gut!
Mein Vater merkt, dass ich mich am Tiefpunkt befinde und verwickelt mich in ein Gespräch, wo ich gar nicht anders kann, als ihn zu antworten. Sehr klever! Denn so bin ich abgelenkt und folge ihm relativ klar bis zum Auto und der Labestation in Neusiedel am See bei der örtlichen Schule. Inzwischen habe ich 87 Kilometer in den Waden. Extrem!

Wir betreten die Labestelle in der Schule und ich lege eine weitere etwas längere Pause ein. Ich erzähle meinem Vater erstmals von den Blasen an den Füßen und was es in mir verursacht. Ich esse eine Suppe und gönne mir ein Stück Semmel. Nach einem weiteren schwarzen Kaffee besuchte ich noch mal das Örtchen. Dort plaudere ich kurz mit einem Mann, der mit einschlägiger Stimme sagt, es sind nur noch 25 Kilometer bis nach Oggau. Mit bestärken Willen kehre ich zu meinem Vater zurück und mache ihm klar, das ich es jetzt um jeden Preis versuchen werde. Ich spreche mir selbst Mut zu und versuche mir einzuimpfen, dass ich jetzt wohl sehr leiden werde.

Wir gehen zum Auto zurück und ich tape ein letztes Mal meine Füße und verarzte die Wunden. Nun habe ich Druckpflaster auf beiden Fußessballen. Also beide Zehen angepresst im Laufschuh, wobei die Füße natürlich auch schon aufgebläht sind. Mein Vater meint, er würde in Breitenbrunn auf mich warten. Das sind weitere 11 Kilometer. Ich versichere ihn, ich würde mich bei ihm melden, wenn ich nicht mehr weiter könne. Doch ich will es auf alle Fälle schaffen. Und so fährt er los und ich kämpfe mich weiter vorwärts.

Doch gerade jetzt wo ich es nicht brauche, kommt die nächste Überraschung. Der Weg verläuft anders als bei meiner Generalprobe. Der Weg verläuft neben den Bahnhof und führt etwas nördlicher, als jene Variante als ich kenne. Das macht es nicht besser für mich. Erst kurz vor Jois führen beide Varianten wieder zusammen. Erneut habe ich einen schönen Blick auf die Kirche von Jois, doch der Weg in den Ort, der etwas höher liegt, ist schon eine kleine Herausforderung. Es sind nur wenige Höhenmeter, aber diese fühlen sich unter diesen Umständen wirklich brutal an.
Ich erreiche Jois und suche mir eine Bank. Ich muss wieder rasten. Schluss, ich kann mich nicht mehr weiter anlügen. Ich habe Schmerzen in den Waden. Durch das stundenlange unnatürliche gehen und der ständigen Anspannung der Schenkel zieht der Schmerz nun langsam nach oben in die Kniekehlen. Jetzt habe ich also beim Gehen nicht nur Schmerzen am Fußballen, sondern auch beim Bewegen des linken Knies. Bitte nicht jetzt! Ich werde deutlich langsamer.

Ich beiße die Zähne zusammen und marschiere weiter nach Winden. Bald habe ich die 100 Kilometergrenze erreicht. Auf dem Weg dort hin treffe ich auf zwei Marschierer, die von der Anhöhe hinab gestiegen waren. Sie hatten einen kleinen Umweg eingelegt. Gleich wollen sie mit mir plaudern, doch jetzt merke ich, dass ich keinen Zuspruch mehr mag. Ich spare Energie. Ich schaue sie nicht einmal an beim Gehen. Das meine ich nicht böse, aber ich bin so fokussiert auf meine Schritte und spare mir sämtliche Energien.
In Winden angelangt kann ich nicht mehr auf eine Bank warten und setze mich auf den Randstein vor der Kirche. Dort lasse ich einige Teilnehmer an mir vorbeiziehen. Ich will jetzt alleine sein. Ich versuche meine Schenkel zu dehnen, alles was mir Erleichterung verschafft und marschiere weiter. Aber jetzt wird es hässlich mit den Schmerzen.

 


Apetlon ist schon erreicht!

Noch eine Rast in Neusiedel am See bei 87 Kilometer!

Diese beiden Kollegen haben mich aus dem 2016er Video erkannt :-)

Selfies aus Podersdorf und Winden am See



Weiter geht es durch die Nacht, bis ich schließlich den östlichen Rand von Breitenbrunn erreiche. Dort steht mein Vater mit dem Auto und gebe ihm zu verstehen das ich mich ins Auto setzen möchte, um mich aufzuwärmen. Ich setze mich also hinein und stärke mich noch einmal. Ich erzähle meinem Vater, wie es mir geht. Meine Füße schmerzen. Und es ist kein gewöhnlicher Marschschmerz durch Muskelübersäuerung, sondern es sind richtige kräftige Schmerzen, ja fast schon Krampf ähnlich. Obwohl ich entlang der ganzen Tour und auch am Ende keinen einzigen Krampf hatte.
Mein Vater sieht mich an und fragt mich, ob ich aufhören möchte. Ich schaue gefühlt 5 Minuten in die Luft. Es sind noch ca. 20 Kilometer ins Ziel nach Oggau und weitere 4 Kilometer nach Purbach in den nächsten Ort. Wieder fragt er mich, ob ich aufhören möchte. Ich antworte nicht. Ich würde am liebsten ewig so da sitzen. Schließlich öffne ich die Türe und beschließe weiter zu gehen. Mein Vater erklärt, das er nach Purbach fährt, um dort auf mich zu warten. Ich schnappe mir eine Wasserflasche und mache mich auf dem Weg.

Diese 4 Kilometer von Breitenbrunn nach Purbach sind der schlimmste Marsch in meinem Leben. Mir gehen soviele Dinge durch den Kopf. Es dauert gerade mal einen Kilometer bis alle Schmerzpunkte wieder extrem pulsieren. Mein Kopf ist klar. Mein Geist ist motiviert. Ich bin weder übernachtig noch wirklich müde. Ich kann es ins Ziel schaffen, doch die Schmerzen sind so stark. Ich schlendere wie ein Zombie entlang des Radwegs und rechne es mir im Kopf durch.
Von Purbach sind es ca. 15 Kilometer ins Ziel nach Oggau. Nach Purbach würde schon bald Donnerskirchen erscheinen. Dann würde eine lange gerade von 10 Kilometern nach Oggau folgen. Bei meinem aktuellen Tempo und meiner Verfassung wären das 3 bis 3,5 Stunden. Und als mir das klar wird, breche ich in Tränen aus. Ich kann es nicht mehr zurückhalten. Denn jetzt ist mir bewusst geworden, das ich nicht mehr in der Lage bin, diese Schmerzen so lange zu erdulden. Ich bleibe kurz stehen und merke, nicht einmal das kann ich mehr ohne das es Weh tut. Und ich sehe die Kirche von Purbach so klar vor mir. Ich weiß, das ich es schaffen würde ohne diesen bitteren Umstand. Das ist so ungerecht.

Ich schleife mich nach Purbach, gehe hinauf zur Kirche, und hocke mich zur Kirchenmauer an der Straße. Ich nehme das Handy in die Hand und suche die Nummer meines Vaters heraus. Ich zögere. Es kommt mir wieder vor wie eine Ewigkeit. Schließlich wähle ich seine Nummer und bitte ihn dann mich bei der Kirche abzuholen. Als ich auflege, fühle ich mich schlecht und kann die Tränen erneut nicht zurückhalten.
Und so hält das Auto neben mir. Mein Vater steigt aus, nimmt mir den Rucksack ab, und ich steige in den Wagen. Wortlos steigt mein Vater wieder ein und der Wagen setzt sich in Bewegung. Ich habe also aufgegeben! "Das hast Du sehr gut gemacht!", sagt mein Vater. Er meint damit meine Leistung und den Mut zur Aufgabe. Aber ich höre das nicht gleich. Wir fahren mit dem Auto durch Donnerskirchen und einen kleinen Umweg nach Oggau. Mein Blick ist wie versteinert. Die Orte ziehen nur so an mir vorbei. Ca. 105 Kilometer war ich marschiert.

Schließlich erreichen wir unser Quartier in Rust. Ich schleppe mich hoch und falle erschöpft ins Bett. Ich weis nicht was ich denken soll. Aber viel ist es ohnehin nicht, denn ich schlafe alsbald ein. So endete meine Tour um den Neusiedler See. 15 Kilometer vor dem Ziel. 15 Kilometer vor Oggau. 15 Kilometer vor dem Finisher Sofa. 15 Kilometer vor der Finisher Medaille, die ich doch so gerne haben will. Vergebens!

 


Unser Quartier - das Gästehaus an der Ruster Bucht

Ich und der Neusiedlersee


Fazit:

Die Enttäuschung war sehr groß. Auch am nächsten Tag konnte ich nicht wirklich gute Miene zum bösen Spiel machen. Ich freute mich über all diese Glückwünsche, aber trotzdem fühlte ich mich nicht gut. Obwohl ich wusste, dass ich das nicht sollte.

Dann hatte ich mich aber so richtig ausgeschlafen. Satte 14 Stunden lang. Und dann sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Ich habe meinen persönlichen Abschnittsrekord von 75 auf 105 Kilometer hochgeschraubt. Das brachte mir unter meinen Walking- und Lauffreunden den Spitznamen "100er Peter" ein. Cool. Mein zweiter Spitzname nach Karwendelkiller. Im ersten Moment dachte ich auch, ich werde das wohl nie schaffen. Ich brauche es gar nicht erst zu versuchen. Heute denke ich mir, neues Spiel neues Glück.

2016, nach meinem ersten Scheitern, wenn man das so nennen will, sagte ich noch "Eines Tages wird diese Medaille an meiner Wand hängen". Und dieser Spruch verjährt ja nicht. Er ist immer noch sehr aktuell für mich. Und ja. Ob es will oder nicht. Eines Tages wird mein Hintern im Finishersofa hängen. Dann werde ich mich dort kurz zurücklehnen und meine Medaille bewundern.

Ja, ich weis schon. Für persönliche Erfolge braucht man eigentlich keine Dokumente oder Gegenstände als Andenken. Mag sein, aber diese werden mich später einmal an all diese Abenteuer erinnern. Und an den Weg, der dahinter lag. Es wird mich an all diese Versuche erinnern. An die schönen Zeiten und an all die Schmerzen und Tränen. An alle Freunde und die Zeit mit meinem Vater als Betreuer.

Und genau darum werde ich mir eines Tages diese Medaille holen!

Jetzt mehr denn je! 


Infobox:

Burgenland Extrem Tour
Gästehaus See Bad


 


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